Lipödem ist ein Arschloch – Interview mit Melanie Grabowski

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Lipödem-Shooting-Lipödem ist ein Arschloch-Lipödem-Fotos

Ob in Zeitschriften, der Fernsehwerbung oder eben im Internet – auf allen Kanälen werden wir mit perfekten Bildern überhäuft. Der Großteil der Menschheit ist aber nun mal nicht so perfekt, wie es uns hier vorgegaukelt wird. Viele dieser Fotos sind mehr Sein als Schein und da ist es wunderbar, wenn es Menschen gibt, die einen so sehen, wie man eben ist. Mit all seinen Ecken und Kanten, Formen, Farben und Narben. Melanie Grabowski gehört zu diesen Menschen, die u. a. die tolle Aktion Lipödem ist ein Arschloch für uns Lipödem-Betroffene ins Leben gerufen hat.

Unter dem Hashtag #LipödemisteinArschloch hat Melanie eine wunderbare Aktion ins Leben gerufen. Auch die Bilder dazu könnt Ihr unter diesem Hashtag im Internet finden. In regelmäßigen Abständen finden Foto-Shootings für Lipödem-Betroffene statt, zu denen Ihr Euch auch anmelden könnt.

Heute stelle ich Euch Melanie und Ihre Aktion in einem Interview einfach einmal vor und hoffe, damit noch mehr betroffene Menschen mit dieser wunderbaren Idee zu erreichen.

Lipödem-Shooting-Lipödem ist ein Arschloch-Lipödem-Fotos

Hallo Melanie, erst einmal vielen lieben Dank, dass Du Dich bereit dazu erklärt hast, mir hier „Rede und Antwort“ zu stehen. Ich freue mich sehr darüber. Stell Dich doch bitte einfach mal kurz vor.

Melanie: Hallo, sehr gerne!
Ich bin Melanie, 28 Jahre alt, verheiratet und Mutter von 2 Kindern. Ich komme aus Westerstede bei Oldenburg und bin gelernte Heilerziehungspflegerin.

Du bist ja keine gelernte Fotografin. Wie bist Du zum Fotografieren gekommen?

Melanie: Nein, das ist richtig. Ich fotografiere seit ein paar Jahren vermehrt und bewusst. Vorerst waren es Landschaften und dann wurde es Recht schnell die Fotografie von Menschen. Schnell auffällig wurde, dass ich einen anderen Blickwinkel als andere Fotografen habe, bzw. auch andere Modelle bevorzugte. Das ‚Perfekte‘ liegt mir nicht.

Das Thema Lipödem ist ja schon sehr speziell. Wie wurdest Du auf diese – unsere – Krankheit aufmerksam?

Melanie: Ich wurde damals von Janina (einer guten Freundin) gefragt, ob ich mit ihr ein Vorher – Nachher Shooting machen möchte. Sie wollte gerne Fotos haben, wie sie mit dem Lipödem vor den Operationen aussah und nach den Operationen. Da kam auch die Idee mit dem Regenschirm auf.

Nachdem wir die Bilder ansahen, waren wir begeistert, wie die Idee wirkt. Ich bat Janina, das Ergebnis in Facebook Lipödem-Gruppen zu teilen, um sich ein Feedback anzuhören zu können. Der Hintergrundgedanke war, eine Lipödem-Reihe zu gestalten und mehrere Bilder in dieser Art zu veröffentlichen.

Wir eröffneten eine Facebookgruppe um Infos über die ersten Grundgedanken verteilen zu können. Binnen ein paar Tagen hatten wir eine unwahrscheinlich große Resonanz zum Bild und der Idee.
Hunderte Frauen wollten der Gruppe beitreten.

Lipödem-Shooting-Lipödem ist ein Arschloch-Lipödem-Fotos

Was möchtest Du mit Deinen Fotos – speziell zum Thema Lipödem – erreichen? Warum liegt Dir diese Fotos so am Herzen?

Melanie: Je mehr ich mich mit der Diagnose beschäftigte, desto mehr wurde mir bewusst, wie schnell man urteilt. Auch ich!

Wie oft man am Strand, in der Stadt oder woanders denkt ‚Puh, die Hose ist aber kurz gewählt!‘ oder ‚Ob McDonald’s hier die richtige Wahl ist?‘. Heute ist mir das unwahrscheinlich peinlich, dass es schon so im Kopf war, sekundenschnell ein Urteil gefällt zu haben, oder zumindest eine Tendenz zum Urteil.

Ich fragte Janina über die Krankheit aus. Was wäre wenn…? Wie wird behandelt? Warum kennt das keiner? Was sind die Symptome? Und dann war klar, ich möchte helfen. Ich möchte Aufklärung betreiben, und Menschen zum Umdenken bewegen.

Wie wichtig dieses Thema ist, sieht man daran, dass Du bereits von einem Kamerateam des WDR bei einem Shooting begleitet wurdest. Wie war es für Dich, als die Anfrage kam?

Melanie: Ja, die Anfrage vom WDR war zunächst eher surreal. Da diese per Facebook Nachricht kam, war ich verunsichert, ob dies ernst zu nehmen war. Nach der ersten Kontaktaufnahme war ich begeistert – ein seriöses Fernsehformat dass zur Aufklärung enorm beitragen wird!

Das Video zum Beitrag des WDR könnt Ihr hier in der Mediathek sehen.

Lipödem-Shooting-Lipödem ist ein Arschloch-Lipödem-Fotos

Hast Du zu Beginn der Aktion Lipödem ist ein Arschloch damit gerechnet, dass Du mit Deinen Fotos so viel erreichen kannst und welche Wellen das schlägt?

Melanie:  Dass dieses Projekt so viel Aufmerksamkeit erhält, war Janina und mir nicht bewusst. Wir waren überwältigt. Die erste Welle war überragend, aber auch heute noch freuen wir uns über jedes Shooting, und jede Möglichkeit die geboten wird, um weiter aufklären zu können!

Gibt es ein ganz besonderes Erlebnis bei einem Lipödem-Shooting, dass Dich besonders geprägt hat? Wenn ja, welches war das und warum?

Melanie: Ein einzelnes nicht, jedoch haut mich persönlich das Feedback nach den Shootings immer komplett um. Es ist schwer zu verstehen, was das mit den Betroffenen macht, die sich teilweise schon so lange verstecken. Plötzlich gehen Frauen in kurzer Hose den Müll runterbringen oder fangen an Kleider anzuziehen. Im Hinblick dessen, dass das vorher unmöglich war, gibt es immer wieder Momente in denen ich vor Freunde mit weinen muss, bei diesen Berichten.

DieLipödem-Shootings finden ja in der Öffentlichkeit statt. Welche Reaktionen gibt es da? Wie gehst Du damit um? Vor allem, wenn es sich dabei um negative und abfällige Bemerkungen handelt?

Melanie: Bisher gab es so gut wie durchweg positive Resonanzen auf die Shootings. Es gab Anfragen, was wir da machen und es konnten Menschen bewusst über die Diagnose aufgeklärt werden und das noch vor.

Selten bis kaum gab es negative Sprüche und Zurufe. Diese wurden allerdings komplett durch die Stimmung verschlungen. Niemand hat reagiert oder sein Tun und Lachen gestoppt und somit konnten wir alles negative sekundenschnell ersticken. Insgesamt kann man aber sagen, dass 99,9% der Reaktionen vor Ort positiv waren.

Lipödem-Shooting-Lipödem ist ein Arschloch-Lipödem-Fotos

Es sind ja noch weitere Shootings geplant? Gibt es hier schon genaue Daten? Kann man sich bei Dir anmelden?

Melanie: Aktuell ist noch vieles mehr in Planung. Erfahren kann man dazu alles in unserer Facebook Infogruppe. „Shootingtermin: Lipödem ist ein Arschloch“. Hier können jedoch lediglich Betroffene, die Interesse haben teilzunehmen, eintreten.
In der Gruppe wird dann das jeweilige nächste Shooting, sobald es fertig geplant ist, preisgegeben. Ab dann kann man anfragen, um teilzunehmen zu können.

Hierbei ist eines ganz wichtig: Jeder Betroffene ist willkommen! Egal ob operiert, unoperiert, weiblich, männlich, mit Rollator oder ohne.

Die einzigen Kosten, die für das Shooting anfallen, sind Anreisekosten und der Regenschirm, der selbst gekauft werden muss.

Ein herzliches Dankeschön für Deine ehrlichen Antworten. Und natürlich auch für Deinen Einsatz für uns „Lipödem-Mädels“. Mit Deiner Aktion machst Du uns Betroffenen nicht nur Mut. Du sorgst auch dafür, dass wir zusammenkommen. Irgendwann bin ich selbst dabei – bei Lipödem ist ein Arschloch!

Wer jetzt mehr von Melanie erfahren möchte, findet Melanie unter folgenden Links:

Facebook: https://www.facebook.com/MelanieGrabowskiPhotographie/
Instagram: https://instagram.com/melanie_grabowski_photographie/

Fotos: Melanie Grabowski-Photographie

4 comments

  1. Sabienes 22 Juli, 2019 at 21:36 Reply

    Diese Aktion ist ja ganz große Klasse! Und hoffentlich ändert sich damit auch die Akzeptanz zum Besseren. Ist ist sowieso das Allerletzte, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen.
    Ich bin von den Fotos begeistert und ich will so einen Schirm haben!!!!!
    LG
    Sabienes

    • Storfine 25 Juli, 2019 at 19:59 Reply

      Ich finde den Schirm auch so cool.
      Hab ich übrigens auch schon. Die Mädels bestellen den ganz normal beim großen A.

      Liebe Grüße

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